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Am Tage vor dem neuen Jahre oder dem Versöhnungsfeste, wenn man die Gräber besucht | [Prayer] for when you visit the graves on Erev Rosh haShanah or Yom Kippur before the Seudah Mafseket, by Fanny Neuda (1855)

Source (German) Translation (English)

„Wahrheit wächst aus der Erde heraus.“ (Ps. 85, 12.)
“Truth emerges out of the Earth.” (Psalms 85:12.)

Hier auf den Stätten der Verwesung will ich mein Herz für die erhabene Weihe des Versöhnungsfestes, dessen heilige Stunden nun heranrücken, vorzubereiten suchen. Wo anders wäre wohl eine geheiligte Stätte zu frommen Betrachtungen; zu einer demuthsvollen Ueberschau des Lebens, als da, wo der Tod uns seine Lehren gibt und in so beredter, eindringlicher Sprache zu uns redet! Hier an den Grenzsteinen alles menschlichen Strebens, wo die hochfahrendsten Hoffnungen und Wünsche des menschlichen Herzens unter dem Moder des Grabes zur Ruhe gewiesen sind, lernen wir die Dinge des Lebens ihrem wahren Werthe nach schätzen und würdigen. Hier lernen wir, was eitel ist und was des Strebens werth, was bleibend ist und was vergänglich, was wir fliehen und was wir suchen sollen, um einst im Gerichte vor dir, mein Gott, zu bestehen. – Im Geräusche und Gewühle der Welt, da wird unser Blick gefangen durch die Blendwerke des Truges, unser Ohr bethört von den Lockungen der Verführung und der Lüge; der Wahrheit Himmelsstimme hallet fruchtlos an uns vorüber. Doch hier an der Seite der Entschlafenen erhebt die Wahrheit ihr Haupt, denn der Tod legt das Zeugniß für sie ab! Der Tod, der den Schleier zerreißt, den Trug zerstört und die Lüge entlarvt. Da erkennen wir, wie vergänglich alle irdische Größe und aller irdische Glanz, vergänglich aller irdische Genuß und aller irdische Besitz, und nichts bleibend ist als die Wahrheit und die Tugend. –
Here in the places of decay I will seek to prepare my heart for the sublime consecration of the Day of Atonement, whose holy hours are now approaching. Where else could there be a sanctuary for pious contemplation, for a humble survey of life, but where death gives us its teachings and speaks to us in such eloquent and forceful language! It is here, at the landmarks of all human endeavour, where the most exalted hopes and desires of the human heart are laid to rest under the mold of the grave, that we learn to appreciate and acknowledge the things of life according to their true value. Here we learn what is vain and what is worth striving for, what is permanent and what is transient, what we should flee and what we should seek in order to stand in judgment before you, my God. – In the noises and hustle and bustle of the world, our eyes are captured by the dazzling effects of deception, our ears are beguiled by the lure of seduction and lies; the voice of heaven’s truth passes us by fruitlessly. But here, at the side of those who have fallen asleep, the truth raises its head, for death bears witness to it! Death that tears the veil, destroys deceit and exposes the lie. There we see how transitory all earthly greatness and all earthly splendour, all earthly enjoyment and all earthly possessions are, and nothing is permanent but truth and virtue. –

Die Wahrheit und die Tugend, sie allein treten hier mit uns ein, sie allein führen uns durch die Nacht des Todes, in das Lichtreich des ewigen Seins. O, daß ihre Stimmen nie vergebens für mich ertönen mögen, daß sie in das Innerste der Seele mir dringen, und mich das ganze Leben hindurch begleiten, bis ich selber hier eingehe zur Ruhe, neben denen, die mir vorangegangen.
The truth and the virtue, they alone enter here with us, they alone lead us through the night of death, into the kingdom of light of the eternal Being. O that their voices may never sound in vain for me, that they may penetrate into the innermost part of my soul and accompany me throughout my life until I myself enter here to rest beside those who preceded me.

Und ihr verklärten Seelen, deren sterbliche Hüllen hier ruhen, euer Geist schaue in Freundlichkeit auf mich herab. Ich bitte nicht um eure Fürsprache an Gottes Thron, o nein, fern sei solch ein Gedanke von mir, denn bei Gott dem Allliebenden ist keine Fürbitte und Fürsprache von Nöthen. Bedarf denn etwa das Kind eines Vermittlers seinem Vater gegenüber? – Wenn wir eure Gräber besuchen, so wollen wir nur die Erinnerung an euch und eure Tugenden in uns beleben, auf daß euer frommes Beispiel zu allem Guten uns ermuntere und von der Sünde abhalte. Der Art seid ihr die Schutzgeister, die vor uns einherziehen, die guten Engel, die uns auf ihren Händen tragen und jeden Stein uns aus dem Wege räumen. Und dafür segne euch Gott, ihr theuern Seelen, mit seinem schönsten Himmelssegen, mit den ewigen Wonnen seines Himmelreiches. Amen.
And you transfigured souls whose mortal shells rest here, your spirit looking down upon me in kindness. I do not ask for your intercession on God’s throne, O no, far be such a thought from me, for with God the All-Loving there is no intercession and advocacy of needs. Does the child of a mediator need a mediator to his father? – When we visit your graves, we wish only to revive in us the memory of you and your virtues, so that your pious example may encourage us to all good and keep us from sin. In this way you are the guardian spirits that walk before us, the good angels who carry us on their hands and remove every stone from our path. And for this, God bless you, you dear souls, with His most beautiful heavenly blessing, with the eternal delights of His heavenly kingdom. Amen.

“Am Tage vor dem neuen Jahre oder dem Versöhnungsfeste, wenn man die Gräber besucht” by Fanny Neuda from her Stunden der Andacht (1855). This is the first time it has been translated into English. –Aharon Varady

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