[Gebet] Am Sonntag, by Fanny Schmiedl Neuda (1855)

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„Gott spricht: Es werde Licht!” (Bereshit 1, 3.)


Herr und Schöpfer der Welt! Eine neue Woche hat begonnen! Ihr erster Tag rufet mir vor die Seele jenen großen ersten Tag der Weltschöpfung, da Alles war wüst und öde, und unendliche Finsterniß ruhete über dem schauervollen Abgrund des Nichts. Da sprachst du – und aus dem Schooße grauenhaften Dunkels rang sich hervor das freudvolle, strahlende Licht; dieses erste Bedingniß alles Lebens und Seins. Und Tag für Tag ertönte von neuem dein allmächtiges „Werde” durch die Räume der Schöpfung, und immer weiter dehnte sich der Kreis des Geschaffenen, und immer neue Wesen, neue Gebilde traten ans Licht des Daseins, bis sie endlich da stand die Welt in ihrer Vollendung, ein Abdruck deiner erhabenen Herrlichkeit und Majestät, ein Wiederschein und Strahl deiner allumfassenden Weisheit und Güte, und ein Tag himmlischer Ruhe die schöpfungsreiche Woche schloß, der von dir gesegnet wurde und geheiligt zur Ruhe und Feier für alle Zeiten.


Mein Gott, wohl nicht zu viel und zu schwer war es deiner Allmacht, die ganze Schöpfung an einem Tage, durch einen einzigen Ruf, einen einzigen Hauch erstehen zu lassen, allein du wolltest uns die große Lehre geben, daß jeder Tag der Woche dem Schaffen und Wirken bestimmt sei, darum der Mensch keinen Tag dahin gehen lassen dürfe in trägem, nutzlosem Müßiggange, und der Tag, den wir nicht durch Thätigkeit und Betriebsamkeit bezeichnen, ein verlorner für uns sei, ausgestrichen aus dem Buche unseres Lebens.


Gib, o Gott, daß es mir gelinge, dieser Bestimmung getreu zu leben und alle meine Tage durch eine weise Thätigkeit auszufüllen. Mögest du, du Gott der Stärke, mir beistehen mit deiner Hilfe, mögest du, du Quell aller Weisheit, mich erleuchten durch Verstand und Einsicht, daß ich stets bei meinem Thun und Lassen einen heilsamen, würdigen Zweck vor Augen habe, und immer das rechte Mittel zu dessen Erreichung finde. Verleihe, o Gott, meinem Körper Gesundheit und Kraft, meinem Gemüthe Geduld und Ausdauer für all die Aufgaben und Anforderungen meines Standes und Berufes, daß ich niemals ermüde und ermatte in dem, was Pflicht und Gewissen von mir fordern. Laß leuchten meinem Geiste das Licht der Erkenntniß und des Glaubens, daß er nimmer von dem düstern Schleier der Sünde verhüllt und umdunkelt werde, und daß die Irrlichter der Leidenschaften meine Vernunft niemals irre führen; und wenn ich einst am Schlusse meiner Lebenswoche an der Pforte stehe, die einführt zur ewigen Ruhe, und den Blick zurückwende auf mein vollbrachtes Schaffen und Wirken, daß mir dann das freudige Bewußtsein werde, „daß Alles gut sei,“ würdig meiner menschlichen Bestimmung, würdig deines göttlichen Wohlgefallens. Amen.


This is the prayer for Sunday, a paraliturgical teḥinah opposite the Shir shel Yom (Psalm of the Day) for Sunday, included by Fanny Schmiedl Neuda in her collection of teḥinot in vernacular German. Fanny Neuda likely either composed or translated this teḥinah into German while performing in the capacity of firzogerin (precentress) of the weibershul (women’s gallery) in her husband’s synagogue in Loštice, Bohemia.

The association of particular psalms sung by Levites in the Temple for each day of the week is first attested in Mishnah Tamid 4.7.

Transcription and proofreading of Stunden der Andacht (second edition, 1858) were begun by Aharon Varady and completed on German Wikisource. Transcription of Moritz Mayer’s 1866 “translation” was completed by Aharon Varady. However, since this translation deviates so wildly from Neuda’s text, it should only be viewed as inspired by Neuda’s work. Rather than set it side-by-side with Neuda’s text, we invite the community to offer a better English translation, please contact us or include it below in the comments.

Below are page images from the 1864 edition in Weiberteitsch and the 1905 edition in Fraktur German.

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